Franziska Koch ist einer der Shootingstars des deutschen Radsports. Vor der Straßen- WM in Montreal (Kanada/20. bis 27. September) spricht die 26-Jährige über ihre Ambitionen, die Auswirkungen ihres Teamwechsels und die Rolle ihrer Familie für ihre Karriere. Das Interview wurde geführt von Björn Jensen, DOSB.

Franziska, welchen Stellenwert hat die WM für dich in dieser an Höhepunkten reichen Saison?
Franziska Koch: Obwohl ich bereits eine tolle Saison hatte, freue ich mich sehr auf die WM. Sie hat sportlich einen hohen Stellenwert für mich.
Du bist für alle drei Wettbewerbe nominiert. Haben alle die gleiche Priorität oder wie priorisierst du?
Einzelzeitfahren und Straßenrennen haben die gleiche Priorität, auf beiden liegt mein klarer Fokus. In der Mixedstaffel möchte ich natürlich auch alles geben, aber da braucht man immer auch Teamkolleginnen und -kollegen, die ihre Leistung bringen. Das kann ich nicht beeinflussen. Aber wir haben in der Vergangenheit schon gezeigt, dass wir im Team zu großartigen Leistungen imstande sind. Wenn mein Fokus nicht auch auf dem Teamevent liegen würde, dann dürfte ich gar nicht an den Start gehen.
Auf Rundfahrten seid ihr es gewohnt, jeden Tag volle Leistung abzurufen. Wie steuert man die Belastung innerhalb einer Woche mit „nur“ drei Rennen? Was verändert sich dadurch an der Vorbereitung und Herangehensweise?
Wir haben bei der WM tatsächlich ein paar Ruhetage, an denen man eine gute Balance finden muss zwischen dem Zulassen von Ruhe und Erholung, aber den Körper dennoch im Betriebsmodus zu halten, um startklar zu bleiben. An der Herangehensweise ändert sich nicht so viel, außer dass die Woche etwas entspannter angegangen werden kann als bei einer großen Rundfahrt.
Worin liegt für dich der Unterschied, für Deutschland anstatt für dein Team FDJ United-Suez anzutreten?
Man muss mehr packen, wenn man fürs Nationalteam antritt! Ich musste meine Räder, meine Helme, auch meine Energieregel selbst einpacken, das erledigt normalerweise das Team für mich. Und ich arbeite jetzt mit Menschen zusammen, die ich im Verlauf einer Saison nicht so häufig sehe. Aber das läuft trotzdem gut, wir haben super tolle Betreuung. Ich starte sehr gern für Deutschland!
Was hat der Wechsel des Teams zu dieser Saison für dich bewirkt?
Er hat mir sehr gut getan. Ich habe einen neuen Input gebraucht, den ich bekommen habe. Ich habe einen neuen Trainer vom Team gestellt bekommen, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite. Der Spaß an der Arbeit ist groß, dieser Tapetenwechsel war sehr wichtig für mich. Eine glückliche Athletin ist eine gute Athletin.
Der Sieg bei Paris – Roubaix in diesem Jahr hat dich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Welche Reaktionen darauf haben dich besonders gefreut und was hat dieser Sieg für dich in Gang gesetzt?
Dieser Sieg hat mir einiges mehr an Aufmerksamkeit und Bekanntheit beschert. Es ist sehr cool, wenn man zum Beispiel am Flughafen um ein gemeinsames Foto gebeten wird. Das zeigt mir, welchen Einfluss man auf die Fans haben kann, und dafür bin ich sehr dankbar, weil ich es bislang nicht so kannte.
Du hast oft erwähnt, welche Rolle deine Eltern für deine Karriere gespielt haben und immer noch spielen. Wie hat sich diese Beziehung im Verlauf der vergangenen Jahre verändert?
Die Beziehung zu meinen Eltern ist immer noch super, aber wenn man professionell unterwegs ist, ist es normal, dass ihr Einfluss abnimmt. Mein Vater hat lange mein Training geleitet, wir sind als Familie zu den Rennen gefahren, mein Bruder Michel ist ja auch Profi. Dass die Eltern immer dabei sind, hat sich geändert, aber ich kriege immer noch Hinweise oder Tipps von meinem Vater mit auf den Weg, und das finde ich sehr schön.
Deine Mutter war auch erfolgreiche Radrennfahrerin, ist bei der Tour de France in den 80er-Jahren unter ihrem Mädchennamen Petra Stegherr gestartet. Was hast du von ihr darüber erfahren und für deine Karriere lernen können?
Viel hat sie davon gar nicht erzählt. Ich habe durch Zufall herausgefunden, dass sie mal Zwölfte in der Gesamtwertung der Tour war, weil ich in einem Fotoalbum eine Notiz dazu gelesen habe. Das ist schon ziemlich cool. Aber die Zeiten haben sich im Vergleich zu damals, als sie aktiv war, schon ziemlich verändert. Sie hat auch an Weltmeisterschaften teilgenommen, aber sie war weit davon entfernt, Profi zu sein oder damit Geld zu verdienen.
Damals spielte Frauen-Radsport eine sehr untergeordnete Rolle, heute ist die Aufmerksamkeit deutlich höher. Wie schätzt du den Stellenwert des Frauen-Radsports heute ein und was wünschst du dir noch an Verbesserungen?
Die Entwicklung ist in vollem Gange. Wir haben noch nicht das Level, auf dem die Männer sind, aber das kann man auch innerhalb von wenigen Jahren nicht schaffen, es muss gleichmäßig wachsen. Auf diesem Weg sind wir.
Du selbst beschreibst dich als „komische Rennfahrerin“, weil du alles kannst, aber in nichts eine Spezialistin, also eigentlich eine klassische Allrounderin bist. Was magst du im Radsport am liebsten und wie würdest du deinen Rennstil jemandem beschreiben, der noch nie ein Radrennen gesehen hat?
Ich würde meinen Stil durchaus als aggressiv beschreiben. Ich mag es am liebsten, wenn die Rennen hart sind. Ich bin sehr aktiv, komme gut über die Hügel und bin tatsächlich eine Athletin, die alles ein bisschen kann.
Du hast in diesem Jahr deinen ersten DM-Titel im Einzelzeitfahren gewonnen. Was hat dir dieser Triumph bedeutet, und was sagt er über kommende Ambitionen aus?
Ich habe mich riesig darüber gefreut, weil ich eigentlich schon länger eine gute Zeitfahrerin bin. Aber im Zeitfahren braucht es immer auch die Unterstützung des Teams, und die habe ich mit dem Wechsel zum neuen Team in einer neuen Art und Weise bekommen. Mein Trainer kam extra zur Deutschen Meisterschaft, um mich dort zu betreuen, insofern steckt da sehr viel Arbeit hinter. Dieser Titel zeigt auch die Ambitionen für die nächsten Jahre, ich will schauen, wie weit ich es im Zeitfahren bringen kann. Aber dafür ist viel Arbeit nötig, denn von allein kommt da leider gar nichts.
Mit welchen Zielen gehst du in die Rennwoche in Montreal, und wann wäre diese WM für dich eine erfolgreiche?
Ich habe durchaus hohe Erwartungen an mich selber, aber die WM-Rennen sind sehr hart, da kommen alle in Topform hin. Erfolgreich wird die WM sein, wenn ich zurückschaue und sagen kann: Ich bereue nichts, ich habe alles gegeben. Was dann als Ergebnis rauskommt, muss man abwarten. Ich möchte einfach nichts bereuen müssen.
Du hast 2024 deine ersten Olympischen Spiele erlebt. Wie waren deine Erfahrungen?
Die Spiele waren überwältigend, es waren so viele Eindrücke, dass ich abends im Bett lag und Schwierigkeiten hatte, das alles zu verarbeiten. Vor allem die Zuschauermassen haben mich beeindruckt. Es war ein sehr prägendes Erlebnis.
Inwieweit ist Los Angeles 2028 schon in deinem Hinterkopf?
Im Radsport denkt man nur von Saison zu Saison, deshalb ist Los Angeles bislang wirklich nur im Hinterkopf. Aber mein Ziel ist es auf jeden Fall, dort am Start zu stehen. Und ich bin überzeugt davon, dass es gut tut, schon einmal Olympische Spiele erlebt zu haben, denn dann werde ich 2028 hoffentlich nicht mehr ganz so überwältigt sein von den vielen Eindrücken.
Am 26. September, also während eurer WM, wird der deutsche Kandidat für die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele ausgewählt. Inwieweit verfolgst du dieses Prozedere, und was würden dir Olympische Heimspiele bedeuten?
Das Prozedere verfolge ich weniger. Olympische Heimspiele wären natürlich auch für mich und den Radsport das Größte, was wir erleben könnten. Aber das ist tatsächlich noch zu weit weg, als dass ich mir dazu konkrete Gedanken mache.
Dann jetzt also voller Fokus auf die WM und vielen Dank für das Gespräch!